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Sinneslehre

„Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm."

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832)

 

 

 

 

 

Zur Sinneslehre Rudolf Steiners

 

  • Was ist ein "Sinn"?

"In anthroposophischer Beleuchtung darf alles dasjenige ein menschlicher Sinn genannt werden, was den Menschen dazu veranlaßt, das Dasein eines Gegenstandes, Wesens oder Vorganges so anzuerkennen, daß er dieses Dasein in die physische Welt zu versetzen berechtigt ist."

(Rudolf Steiner -  "Anthroposophie - Ein Fragment")

 

 

 

  • Der Gebrauch der Sinnesorgane muß erlernt werden:

'...Lernen ist für alle Sinnestätigkeit von größter Bedeutung. Die Sinneswahrnehmung ist uns nicht fertig gegeben, sondern wir müssen den Gebrauch der Sinne erst mühsam erlernen. So wie wir lesen lernen müssen (Sprachsinn), müssen wir auch lernen zu sehen, zu riechen, zu schmecken, zu hören, zu tasten usw. Die menschliche Sinnestätigkeit lässt sich im Grunde ein Leben lang verfeinern... '

 

(Rudolf Steiner - „Das Rätsel des Menschen“ Erster Band/1916)

 

 

 

 

 

Die physischen Sinne dienen also der Wahrnehmung der sinnlichen (physischen) Welt und gehören somit auch zur sinnlichen (physischen) Welt. Über den Ursprung der Sinne, sowie die Entstehung und Bildung der Sinnesorgane ist damit noch nichts ausgesagt.

 

 

 

Die einzelnen menschlichen Sinnesgebiete unterscheiden sich sehr deutlich voneinander: Jeder einzelne Sinn beschreibt ein bestimmtes Verhältnis, in das der Mensch zu einem äußeren Gegenstand (Vorgang oder Wesen) treten kann und dies wird dann unter dem Begriff "Wahrnehmung" zusammengefaßt.

 

 

 

 

Welche Sinne sind dem Menschen gegeben und welche Wahrnehmung ermöglichen sie?

 

 

Der Mensch nimmt durch Sinnestätigkeit zuerst einmal sein eigenes physisches Dasein wahr. Er verfügt über Sinne,

 

  • die ihm ein Empfinden der eigenen Leiblichkeit als ein harmonisches Ganzes ermöglichen (1 - Lebenssinn),
  • die ihn Lageveränderungen an der eigenen Leiblichkeit (2 - Eigenbewegungssinn) erleben lassen und
  • die ihm das Verhältnis der eigenen Leiblichkeit zur räumlichen Außenwelt (3 - Gleichgewichtssinn bzw. statischer Sinn) wahrnehmen lassen 

 

...mit diesen (sog. leiblichen) Sinnen bildet der Mensch eine erste Grundlage für sein Selbstbewußtsein.

 

Dem Menschen sind desweiteren Sinne gegeben, mit denen er Eigenschaften von Dingen, Vorgängen oder Wesen wahrnehmen kann, die nicht zu seiner eigenen Leiblichkeit gehören, er kann erleben

 

  • wie ein feinstverteilter Stoff die eigene Leiblichkeit nahe berührt ( 4 - Geruchssinn),
  • wie die stoffliche Welt auf die eigene Leiblichkeit wirkt (5 - Geschmackssinn),
  • wie ein äußerer Körper sich selbst im Verhältnis zum farblosen Sonnenlicht offenbart - wie seine Oberfläche erscheint (6 - Gesichtssinn, Sehsinn),
  • welche Wärme ein anderer Körper im Verhältnis zu ihm selbst in sich trägt, von welcher Wärme dieser Körper also ganz und gar durchdrungen ist (7 - Wärmesinn),
  • wie die Natur oder die Seele eines Körpers tönt/klingt (8 - Hör-, Gehör- oder Tonsinn).

 

...mit diesen (sog. seelischen) Sinnen unternimmt der Mensch erste Schritte in Richtung auf ein anderes Wesen ( Ding, Vorgang) außerhalb von sich selbst.

 

Beim tieferen Eintauchen in die Begegnung mit der Außenwelt empfindet der Mensch zugleich auch ein stärkeres Erleben in sich selbst. Er kann wahrnehmen,

  • welche Art von Seelenäußerung ihm vermittels eines fremden Körpers, Wesens oder Vorganges zuteil wird (9 - Laut-, Wort- oder Sprachsinn) und
  • wie er Verständnis für ein fremdes Wesen (Ding oder Vorgang) empfinden kann, indem er seelisch in sich selbst erlebt, was in dem fremden Wesen (Vorgang oder Ding) lebendig ist (10 - Gedanken-, Begrifss- oder Vorstellungssinn).

 

...mit diesen Sinnen bewegt sich der Mensch schon in geistige Gebiete hinein.

 

Und der Mensch ist  zu einer weiteren, noch vertiefteren Begegnung mit der Außenwelt fähig, die ihm ebenfalls ein nochmals gesteigertes Erleben bzw. Wahrnehmen auch in sich selbst ermöglicht:

 

  • Ein jeder Mensch ist ein Erlebender in der Welt - er ist mit seinem "Ich" ganz in diesem Erleben drinnen (11 - Ichsinn) und baut sein individuelles Seelenleben (Vorstellungen, Empfindungen, Wahrnehmungen) auf seine gesamten Sinneserlebnisse auf. In seinem "Ich" strömen die einzelnen Sinneswahrnehmungen zu einer Einheit zusammen und werden von ihm als zusammengehörig erfahren.

 

...mit diesem Sinn ist es dem Menschen erstmals auch möglich, das "Ich" eines anderen Menschen wahrzunehmen.

 

Im Verlaufe seiner Forschungen über die menschlichen Sinne hat Rudolf Steiner noch einen weiteren Sinn hinzugefügt, den er in seiner dargebrachten Abfolge zu einem späteren Zeitpunkt als die anderen Sinne beschrieben hat und der folglich in der Literatur z.T. am Ende der Sinnesaufzählungen, z.T. aber auch an deren Anfang steht. Meist wird er als "Hautsinn" gedeutet, kann aber auch in allen anderen Sinnen als "mitwirksam" angesehen werden. Der Mensch erlebt,

 

  • dass er ein umschlossenes Wesen ist und dass ein "Etwas"  Druck von aussen auf ihn ausüben kann. Seine Anstrengungsbereitschaft ist herausfordert, diesem Druck entweder stand zu halten, den gebotenen Widerstand zu überwinden oder sogar selbst einen Eindruck auf das Gegenüber zu erwirken (12 - Tastsinn). In dieser aufgewendeten Anstrengung verbirgt sich schon ein erstes Urteilen und zwar versucht der Mensch hier zu be-urteilen, mit welchem Druck, mit welcher Festigkeit oder Weichheit ein anderer Körper (Vorgang oder Wesen) seine Umschlossenheit verschiebt.

 

(siehe dazu: Rudolf Steiner - GA 45  "Anthroposophie")

 

Es lassen sich die geschilderten 12 Sinne in 3 Gruppen zusammenfassen, die begrifflich eine "sinnvolle" Beziehung herstellen zu der schon seit alten Zeiten bestehenden Auffassung vom Menschen als einem dreigegliederten Wesen (Körper-Seele-Geist):

 

1. die sog. "Körpersinne" (untere Sinne) - hängen zusammen mit dem Leib und einem leiblichen Erleben des Menschen:

  • Hautsinn/Tastsinn,
  • Lebenssinn,
  • Eigenbewegungssinn,
  • Gleichgewichtssinn

 

2. die sog. "Seelischen bzw. sozialen Sinne" (mittlere Sinne) - hängen zusammen mit einem seelischen Erleben des Menschen:

  • Geruchssinn,
  • Geschmackssinn,
  • Gesichts- oder Sehsinn,
  • Wärmesinn

 

3. die sog. "Geistigen bzw. Erkenntnis-Sinne" (obere Sinne) - hängen zusammen mit einem geistigen Erleben des Menschen:

  • Hör- oder Gehörsinn,
  • Wort-, Laut- oder Sprachsinn,
  • Gedanken- oder Begriffssinn,
  • Ichsinn

 

Die bisher beschriebenen Sinnesgebiete (Wahrnehmungsmöglichkeiten) können nun gedanklich als Tore oder Brunnen aufgefaßt werden, durch die eine Außenwelt in das Innere eines Menschen hineinstrahlt und es obliegt nun dem Menschen, die ihm gegebenen Sinne durch sein eigenes Inneres zu "beleben", um sie zum Erkenntnisgewinn über die Welt auch entsprechend einsetzen zu können.

 

 

 


 

Welche verschiedenen Erlebensqualitäten ergeben sich aus den 12 Sinnen?

 

 

Sinnesbereich Erlebnisqualität
1 - Lebenssinn Ein eher unbestimmter, allgemeiner Sinn, dessen Dasein der Mensch eigentlich erst bemerkt, wenn etwas in seiner Leiblichkeit (innere Organtätigkeit) in "Unordnung" geraten ist: Mattigkeit, Müdigkeit, Hunger, ...  aber auch Wohlgefühl, Sattheit und Behaglichkeit - es ist das Vermögen, sich als ein ganzes Selbst zu fühlen, ein raumerfüllendes leibliches Selbstgefühl
2 - Eigenbewegungssinn Eine selbst ausgeführte Bewegung, z.B. des Armes, des Beines, der Hand,  Augenbewegungen,... - wahrgenommen wird hier die Lage der einzelnen Glieder des Körpers zueinander in Ruhe oder in Bewegung
3 - Gleichgewichts- oder statischer Sinn Der Mensch kann sich selbst in einer bestimmten Lage seines Körpers zu einem "Oben", "Unten", "Vorne", "Hinten", "Rechts", "Links" orientieren - er strebt sein Aufrechthalten im dreidimensionalen Raum (Aufrichten/Aufrechte/Senkrechte) gegen die Schwerkraft an und zwar im Hantieren, Gehen, Stehen oder Liegen
4 - Geruchssinn Ein luftförmiger Stoff berührt die Schleimhaut der Nase, ohne sich zu verändern - ein Stoff der Außenwelt kann nur dann "gerochen" werden, wenn dieser luft- oder gasförmig ist (Aromen)
5 - Geschmackssinn Ein Stoff der Außenwelt wird durch die Flüssigkeit des Mundes aufgelöst, damit dieser seine Wirkung (Süße, Säure, Bitterkeit,...) entfalten kann - die fremden Eigentümlichkeiten eines Stoffes offenbaren sich erst, wenn der Mensch in der Lage ist, dessen Außenseite zu verändern
6 - Gesichts- oder Sehsinn Ein Stoff oder Gegenstand zeigt seine oberflächliche Beschaffenheit - der Mensch kann diese Lichterscheinungen (hell, dunkel, Farben) wahrnehmen und erfährt somit etwas über die Lichtdurchlässigkeit eines Gegenstandes (Farbenspektrum, Materialität des Gegenstandes oder Wesens)
7 - Wärmesinn Die Wärme oder Kälte eines Vorganges, Gegenstandes oder Wesens erscheint nicht nur an dessen Oberfläche, sondern durchdringt diesen ganz und gar - der Mensch kann den Unterschied zwischen der Wärme eines anderen Wesens, Körpers oder Vorganges in seiner Umgebung im Verhältnis zur eigenen Wärme empfinden
8 - Hör- oder Gehörsinn Tiefer muss der Mensch in das Innere eines anderen Körpers, Vorganges oder Wesens dringen, wenn er den Ton wahrnehmen will, mit dem dieser sein innerliches "Erzittern" kundtut - nicht also das Äußere interessiert, sondern es tritt dessen Eigennatur (seine Seelenhaftigkeit) tönend nach außen und teilt sich der Empfindung des wahrnehmenden Menschen mit
9 - Lautsinn oder Wort - Wahrnehmungssinn bzw. Sprachsinn In der Form einer Mimik, Gestik oder Sprache kann der Mensch verstehen, dass ein anderes Wesen zu ihm hin "spricht" - der Mensch kann z.B. den Schmerzenslaut eines anderen Wesens wahrnehmen, ohne darüber nachdenken oder urteilen zu müssen. Es ist dem Menschen im Kindesalter möglich, Worte bereits zu sprechen, ohne deren Bedeutung zu kennen
10 - Gedanken-Wahrnehmungssinn bzw.  Gedankensinn oder Begriffssinn Der Mensch kann empfinden, was in einem anderen Menschen "als Begriff lebt", indem er zuhörend versteht, was dieser mitteilen will - aus der Wortgestalt einer Aussage ist es ihm möglich, deren gedanklichen Sinn zu erfassen
12 - Tastsinn Mit seiner Haut ("Umhüllung", "Umschlossenheit") stößt der Mensch permanent in unterschiedlicher Weise an die Außenwelt an, und doch ist das Erlebnis bei dieser Berührung mit der Außenwelt ein "Innenerlebnis" - der Mensch be-tastet im engeren und weiteren Sinne einen äußeren Gegenstand, Vorgang oder Wesen (im Verein mit einem oder mehreren der ihm gegebenen anderen Sinne) und nimmt doch eigentlich nichts von diesem Objekt wahr, sondern nur das, was sich bei dieser Berührung in ihm selbst verändert/verschiebt
11 -  Ichsinn bzw. Ich - Wahrnehmungssinn

In der Welt ist es dem Menschen gegeben, das umschlossene, umhüllte "Ich" eines anderen Menschen zu empfinden - der Mensch fühlt, dass da ein gleiches Wesen wie er selbst ist, ohne dies gedanklich erst zu schlußfolgern

 

 

 

 

Wie erlangen wir Erkenntnis über die Welt?

 

Wir haben zunächst in uns das nach aussen gerichtete Wahrnehmen von Erscheinungen in der Welt durch die 12 Sinne - Wahrnehmen als ein seelisches Tätigsein, das gegeben ist, wenn der Mensch dem wahrzunehmenden "Ding", Wesen oder Vorgang mit Aufmerksamkeit begegnet und sich ihm wahrnehmend zuneigt.

 

Wir haben des weiteren in uns als Fähigkeit das Denken über die Erscheinungen in der Welt - Denken als ebenfalls seelisches Tätigsein beginnt, wenn der Mensch zu den wahrgenommenen Erscheinungen die zugehörigen Begriffe findet.

Das Wahrnehmen alleine bringt noch keine Begriffe hervor. Das Denken erst stellt eine Beziehung zwischen der eigenen Wahrnehmung und dem dazugehörigen Begriff her und führt zu einer persönlichen Vorstellung  - Begriffe können von Mensch zu Mensch vermittelt werden, eigene Vorstellungen (personalisierte Begriffe) bedürfen jedoch der eigenen Wahrnehmung.

 

Nun braucht es "nur" noch einen Ort, an dem sich Beobachtung (Wahrnehmung) und Denken begegnen können, um Wirklichkeit werden zu können - das ist das menschliche Bewußtsein. Erkenntnis über die Welt findet "willentlich" im menschlichen Bewußtsein statt.

 

"Nicht die Welt stellt an uns die Fragen, sondern wir selbst stellen sie...."

(siehe hierzu: Rudolf Steiner "Philosophie der Freiheit" und auch "Die Rätsel der Philosophie")

 

 

 

 


 

 

Rudolf Steiner hat in seinen Vorträgen die Resultate seiner eigenen Forschung Zuhörenden mitgeteilt - in seinen Werken hat er sich um klare Gedankenformen bemüht, die den selbständig forschenden Menschen in den Stand versetzen sollen, ohne Lehrer oder Guru zu eigener Erkenntnis zu gelangen.

 

 

Das Besondere an der Sinneslehre von Rudolf Steiner liegt nun meines Erachtens in der einmaligen Vollständigkeit und präzisen Differenzierung, mit der die menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten von Außen-Welt beschrieben werden. Zudem kann sich dem Lernenden der "Begriff Wahrnehmung" sehr viel genauer erschließen, als es meiner Meinung nach anhand mancher gängiger (z.T. schwer nachvollziehbarer) "moderner Literatur" und auch Lehrmeinung möglich ist.

 

 

 

... und was hat das mit mir zu tun?

 

Im Verlauf der Jahre, in denen ich mich nun schon mit der Anthroposophie Rudolf Steiners befasse, hat sich mein Menschenbild, das nie so recht in eine mechanistisch erklärte Welt hineingepaßt hat, deutlich gewandelt: Ich habe für mich sinnvoll erweiterte Vorstellungen vom Menschsein, vom Leben und auch von der Welt gewinnen können, die manche Lebensfrage aus meiner Jugendzeit einer Antwort näher gebracht hat. Mögen meine gewonnenen Vorstellungen in meinem (Berufs-) Leben Früchte tragen.....